Oral History und Digitalisierung: Neue Angebote und alte Fragen

Caroline von Andrian–Werburg und Nicole Kramer
Mit der Digitalisierung hat sich der Zugriff auf Oral-History-Interviews enorm erleichtert. Für viele Themen der Zeitgeschichte stehen Interviews für die Verwendung in Lehre und Forschung zur Verfügung. Caroline von Andrian-Werburg und Nicole Kramer stellen in ihrem Beitrag einige davon vor, z.B. die jüngst veröffentlichte Meta-Sammlung Oral-History.Digital. Die neuen Möglichkeiten rufen bereits seit längerem diskutierte Fragen in Erinnerung. Es geht um die Ethik des Forschens und die Kontextualisierung als Aufgabe der Quellenkritik.
Vor einem Jahrzehnt noch war häufig von der Angst die Rede, die Zeitzeug*innen würden verschwinden. Davon ist heute wenig zu spüren. Denn Zeitzeugenschaft ist nicht auf die Jahre vor 1945 begrenzt und in immer mehr Projekten werden die Erfahrungen von Menschen dokumentiert, die die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebten. Zur fast schon ubiquitären Präsenz von Zeitzeug*innen trägt zudem die Digitalisierung bei. Eine erste Suche im Netz führt zu einer Reihe von Interviewsammlungen. Mit der Digitalisierung wird die Durchführung von, vor allem aber auch der Zugriff auf bestehende Oral-History-Interviews einfacher.
Neue Möglichkeiten wie Augmented Reality entfachen ein neues Interesse etwa von Medienvertreter*innen an Zeitzeugenschaft. Die App „WDR AR 1933–1945“ bringt Zeitzeug*innen scheinbar dorthin, wo sich Interessierte mit ihren Geschichten auseinandersetzen, z.B. ins Klassenzimmmer.1 An der LMU München wird an einem KI-gestützten Angebot gearbeitet, dass Aufnahmen von Zeitzeug*innengesprächen als interaktives Format erfahrbar machen soll.2 Es entstehen neue Internetangebote, die so unterschiedliche Themen wie Migrant*innen in der DDR oder aber das Leben und Arbeiten im Bergbau dokumentieren. Auch in Ausstellungen und Museen gehören Zeitzeug*inneninterviews schon zum Standardrepertoire. Hier gibt es seit Längerem eine Diskussion, wie die Art und Weise der Nutzung der Interviews das historische Erzählen prägt. Im September 2023 ist mit dem Start von Oral-History.Digital der Zugriff auf Interviewsammlungen vor allem für die Zwecke der Forschung noch einmal wesentlich verbessert worden.
Das Angebot ist also breit und bedient sehr unterschiedliche Bedürfnisse. Die technischen Innovationen haben außerdem neue Möglichkeiten für die Durchführung von Zeitzeug*inneninterviews und ihre Auswertung für die Forschung sowie für ihren Einsatz in der Geschichtsvermittlung geschaffen. Doch die Digitalisierung bringt ebenso viele neue Herausforderungen mit sich und wirft wichtige wie schwierige Fragen auf. Der Beitrag möchte einerseits eine Auswahl von Oral-History-Interviewsammlungen näher beleuchten und andererseits einige der Herausforderungen vor dem Hintergrund der Forschung zu Zeitzeug*inneninterviews und der Erfahrungen ihrer Nutzung im musealen Kontext diskutieren.
Zeitzeug*inneninterviews in Ausstellungen
In der Diskussion über den Einsatz von Zeitzeug*innenberichten oder -interviews in Ausstellungskontexten geht es bisher vor allem um Interviews mit Holocaust-Opfern, die primär in Gedenkstätten gezeigt werden. Allerdings gehen die Möglichkeiten, die Interviews mit Zeitzeug*innen bieten, weit über dieses Thema hinaus und auch die Beispiele an Online-Angeboten und Oral-History-Interviewsammlungen zeigen, dass sich die Oral History-Forschung eigentlich keineswegs auf den Holocaust und die Zeit des Nationalsozialismus beschränkt hat.
Ein gutes Beispiel ist der Einsatz von Zeitzeug*innenberichten innerhalb der Dauerausstellung im Haus der Geschichte in Bonn.3 Dort wird die deutsche Geschichte vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis heute anhand von vielen historisch bedeutsamen Original-Objekten dargestellt, die es erlauben, Geschichte greifbar zu erleben. An Medienstationen können Besucher*innen sich zu einzelnen Themen innerhalb der Ausstellung „Biografische Perspektiven“ kurze Ausschnitte aus Zeitzeug*innengesprächen bzw. Interviews mit Zeitzeug*innen anhören und anschauen, in denen diese von ihren Erfahrungen in der jeweiligen Zeit und zum jeweiligen Thema erzählen. Neben Informationstexten, historischen Schriftdokumenten, Fotografien sowie historischen Objekten ermöglichen diese Interviewausschnitte einen Einblick in subjektive Wahrnehmungen von und Erinnerungen an Vergangenheit.4 Die Stationen bieten sowohl die Möglichkeit, sich nur kurz einzelne Perspektiven anzuhören, als auch, sich einen breiten Überblick über Erinnerungen und Perspektiven zu einem Thema zu verschaffen. Indem verschiedene Perspektiven zu Wort kommen (Zeitzeug*innen verschiedener Generationen, unterschiedlicher Herkunft oder unterschiedlicher „Rollen“), verdeutlichen die Inhalte der Medienstationen die „Pluralität von Erinnerungen“5 und können damit als wichtiges Element der Ausstellung betrachtet werden, was Multiperspektivität angeht.
Die im Museum gezeigten Ausschnitte aus vermutlich deutlich längeren Interviews der Zeitzeug*innen sind jeweils nur 1–2 Minuten lang. Informationen zur Entstehung der Aussagen innerhalb des Interview-Kontexts sowie Fragen der Interviewenden, Angaben zu Ort und Zeit der Aufnahme sowie genauere Informationen zu den Zeitzeug*innen selbst fehlen an den Medienstationen. Damit ist es für Besucher*innen nur schwer möglich, einen tieferen Einblick in die persönliche Geschichte und die Wahrnehmungen der interviewten Person zu bekommen. Die Berichte der Zeitzeug*innen geben Besucher*innen zwar eine Möglichkeit, innerhalb der Dauerausstellung tiefer in einzelne Themen einzusteigen und „persönliche“ Einblicke zu erhalten. So wie die Zeitzeug*innen erzählen (mit „wir“ oder „man“), verschwimmt allerdings teilweise die Grenze zwischen einer Art „Expert*innen-Bericht“ und der sehr persönlichen, subjektiven Sicht. Die „Entkontextualisierung“ von Zeitzeug*inneninterviews in Ausstellungen und die „‚Vorenthaltung‘ von individualisierenden Kennzeichen“6 können also letztlich dazu führen, „dass die Lebenswege der Gesprächspartner nicht als Schicksale von Individuen erscheinen, sondern zu exemplarischen Biografien einer Generation und eines Milieus werden“.6 Auch von talking heads (abgeleitet von der Nahaufnahme des Kopfes und eines Teils des Oberkörpers der Person, die, vor einem eher neutralen Hintergrund sitzend, direkt in die Kamera spricht)7 ist im Zusammenhang mit Zeitzeug*inneninterviews in Ausstellungen und Medien häufig die Rede. Damit wird zum Teil kritisch Bezug genommen auf die Entkontextualisierung von biografischen Erinnerungen in diesen Räumen, einer Aufwertung dieser „Erinnerungsschnipsel“ und dadurch einer Inszenierung und Vermittlung als „authentische Geschichte(n) und (…) als zeitlose moralische Instanzen.“8
Für die Neugestaltung der Dauerausstellung im Haus der Geschichte, die für das kommende Jahr geplant ist, wäre es wünschenswert und auch dem aktuell großen Interesse an Zeitzeug*innen angemessen, den Zeitzeug*innen innerhalb der Ausstellung mehr Raum zu geben, die Interviews besser einzuordnen, den Entstehungskontext transparent zu machen und eine kritische Einordnung von Erinnerungen und Zeitzeug*inneninterviews vorzunehmen.
Die Vielfalt der Zeitzeug*inneninterviews im Netz
Wie sieht es bei Internetangeboten aus? Wird die Weite des virtuellen Raums genutzt, um die zusätzlichen Informationen, die eine Kontextualisierung ermöglichen, zu liefern?
Bereits 2010 stellte Almut Leh fest, dass die Web-Sammlungen starke Unterschiede aufweisen, was die Art der Aufbereitung anbelangt.9 Die Tendenz hat sich vermutlich noch verstärkt. Es finden sich ganz unterschiedliche Angebote und eine Fülle von Interviews. Wer mehr über Migration in der DDR wissen will, sollte einmal auf die Seite von De-Zentralbild gehen. Hier finden sich neben den Fotoalben von Migrant*innen, die temporär oder dauerhaft in der DDR lebten, Ausschnitte aus Oral-History-Interviews. Das Web-Angebot „Menschen im Bergbau“ wiederum bietet Einblicke in Gespräche mit 77 Menschen, die im Westen und Osten in unterschiedlichen Funktionen im Bergbau beschäftigt waren. Beide Angebote haben kaum Zugangsbarrieren, was den Zugriff auf die Interviews sehr einfach macht. Dafür erhalten Suchende keinen Zugriff auf vollständige Zeitzeug*inneninterviews. Vielmehr sind es mehrminütige Ausschnitte, die abgerufen werden können.
Für die Forschung eignen sich diese Angebote nur bedingt. Wie die Zweitauswertung oder Sekundäranalyse von Interviews erfolgen sollte, darüber haben sich Sozial- wie Geschichtswissenschaftler*innen bereits viele Gedanken gemacht.10 Wichtig ist, vor allem den Entstehungskontext und die Bedingungen der Produktion zu kennen. Daher sind die Fragen ebenso wichtig wie die Antworten. Wer die Interviews für eigene Fragestellungen heranzieht, sollte wissen, was die Zielsetzung des Projektes war, für das die Interviews eigentlich geführt worden sind, und wie Interviewpersonen ausgewählt wurden. Man sollte wissen, welche Themen von den Interviewer*innen angeschnitten, welche übergangen wurden.
In kurzen Ausschnitten aus eigentlich längeren Interviews, in denen darüber hinaus die interviewende Person und die gestellten Fragen nicht zu hören und zu sehen sind, fehlen zentrale Teile des Interviewkontexts. Ohne Interviewkontext und die Entstehung der Aussage als Teil des gesamten Interviews sichtbar zu machen, ist es für die Zweitanalyse schwer, das Gesagte einzuordnen.
Freilich ließe sich einwenden, dass die genannten Angebote nicht darauf angelegt sind, Interviews für die Wissenschaft bereitzustellen. Es geht vor allem darum, subjektive Erinnerungen im kollektiven Gedächtnis sichtbar zu machen. Doch die Kontextualisierung ist nicht nur für die Zweitanalyse zum Zwecke der Forschung bedeutsam.
Oben war bereits von der Kritik an den „talking heads“ im musealen und Medienkontext die Rede. Vieles davon lässt sich auch auf Internetangebote übertragen, in denen Zeitzeug*innenaussagen quasi als „Erinnerungsschnipsel“ abrufbar sind. Wäre es angesichts der Möglichkeiten des virtuellen Raums nicht noch besser als in einer Ausstellung denkbar, das „Interview als Erinnerungsprozess“ erfahrbar zu machen?11 Ist es nicht auch für die Erinnerungskultur und die öffentlichen Geschichtsdebatten wichtig, die „Fiktion der Authentizität“ bei der Rezeption von Zeitzeug*inneninterviews zu erkennen?12 Die Forderungen sind nicht neu, aber nach wie vor aktuell – insbesondere angesichts der steigenden Präsenz von Zeitzeug*innen in der Vermittlung von Geschichte.13
Die Meta-Sammlung Oral-History.Digital
Für die Oral History lässt sich sagen, dass seit jeher Zugang und Vorgehensweise systematisch reflektiert wurden. Ein neues Angebot stärkt nun auch im virtuellen Raum die methodische Reflexion: die Infrastruktur Oral-History.Digital, die im September 2023 online ging. Im Gegensatz zu anderen Angeboten handelt es sich hier um ein Portal, das Interviewsammlungen verschiedener Archive, Museen und Stiftungen vernetzt; darunter finden sich auch Klassiker wie das Projekt „Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet 1930–1960“ (LUSIR). Mit über 3900 Interviews ist Oral-History.Digital eine beachtlich große Sammlung, eine systematische Vernetzung der Bestände ist damit jedoch noch lange nicht erreicht, wenngleich sehr für die Zukunft zu wünschen. Es handelt sich also um eine Meta-Sammlung. Wer mehr zur Vorgeschichte, aber vor allem zur Zielsetzung des Projektes wissen will, kann sich sehr bequem und quasi mündlich informieren, denn die Release-Tagung steht als Aufzeichnung zur Verfügung.14
Das Angebot von Oral-History.Digital richtet sich zunächst an alle, die mit bereits aufgezeichneten Interviews arbeiten wollen. Es bietet eine Infrastruktur zur Erschließung von Interviews, die in Magazinen von Archiven, Rechnern von Forschenden oder Kellern von Stiftungen schlummern. Ein Blick lohnt sich zudem auf die Materialien, die unter dem Reiter „Dokumente“ zu finden sind. Nur die ersten Einträge haben mit der Benutzung des Portals selbst zu tun. Es findet sich darüber hinaus eine Fülle von Anleitungen und Vordrucken für alle Etappen eines Zeitzeug*innenprojektes, darunter Beispiele für Einverständniserklärungen, die Zeitzeug*innen vor dem Interview unterzeichnen, Transkriptionsregeln oder Hinweise zur Optimierung der Ton- und Videoaufnahmen. Besonders hilfreich ist das Material deswegen, weil man Einblick erhält, wie Forschende in spezifischen Projekten konkret vorgegangen sind.
Herzstück des Portals sind zweifelsohne die Interviewsammlungen. Das Archiv „Deutsches Gedächtnis“, die „Werkstatt der Erinnerung“ oder die Oral History-Forschungsstelle in Erfurt sind nur einige Beispiele der Einrichtungen, die ihre Materialen im Portal einstellen. Es finden sich auch Interviews aus Projektzusammenhängen, z.B. mit Beschäftigten des sächsischen Wismut-Unternehmens, die von Historiker*innen des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam geführt wurden. In der Verknüpfung von sonst verstreuten und teils auch nicht verzeichneten oder anderweitig nicht zugänglichen Beständen liegt eine große Chance von Oral-History.Digital. Dass es in Deutschland nämlich an einer zentralen Plattform zur Sammlung von geschichtswissenschaftlichen Forschungsdaten fehlt, darüber diskutiert die Initiative der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur, insbesondere das Konsortium NFDI4Memory, seit Längerem. Mit Blick auf Zeitzeug*inneninterviews, die zu den wohl komplexesten Daten in der Geschichtswissenschaft gehören, ist ein großer erster Schritt gemacht. Freilich fällt auf, dass bei manchen Sammlungen noch keine Interviews oder aber nur Teile der tatsächlich in den örtlichen Archiven verwahrten Gespräche eingestellt sind. Die Plattform ist noch im Aufbau und die Aufbereitung ist mitunter zeit- und kostenintensiv. Das liegt unter anderem auch daran, dass zu den Interviews Metadaten verzeichnet und Text, Video oder Audio segmentiert und miteinander verknüpft werden. Dieser Aufwand der Aufbereitung fördert gewiss die Nutzbarkeit, denn so ist es möglich, sammlungsübergreifend nach Personen entsprechend ihrer Herkunft, ihres Alters oder ihres Geschlechts zu filtern. Auch eine Sachverzeichnung ist im Entstehen. Die Digitalisierung stärkt den eigentlichen Charakter der Oral History, denn die Interviews werden als genuin mündliche Quellen verfügbar gemacht. Hat sich bislang nicht allzu oft die Praxis eingeschlichen, hauptsächlich mit schriftlichen Exzerpten zu arbeiten? Durch die Alignierung von Text und Sprache wird die Rezeption beider Ebenen zur Selbstverständlichkeit, auch beim gezielten wiederholten Lesen/Hören.
Die Chance der Digitalisierung für den Zugang der Oral History ist also groß, dabei ist der Punkt der softwaregestützten Analysen im Sinne des distant reading in diesem Beitrag noch gar nicht angesprochen worden. Für diesen Aspekt braucht es einen gesonderten Blogbeitrag. Aber auch ohne dies hier weiter auszuführen, zeigt sich, dass sich viele neue Möglichkeiten bieten, mit Interviews anderer Forschender z.B. auch im Rahmen von Lehrveranstaltungen zu arbeiten.
Im Rahmen der Lehre ist es sogar machbar, die oft stundenlangen Interviews anzuhören oder auch anzuschauen. Alexander von Plato, Franka Maubach und Dorothee Wierling treten Seminarteilnehmer*innen so nicht nur als Autor*innen von Aufsätzen und Büchern entgegen, sondern sie können sie beim Interviewen sozusagen beobachten. Die Interviews wären – dies sei nur beiläufig erwähnt – eine vorzügliche Quelle, mehr über die Praxis der Oral History im Werden zu erfahren. Die Notwendigkeit, Oral-History-Interviews wenn möglich auch zu hören bzw. zu sehen, muss gar nicht erst betont werden, sondern ist eine Einsicht, die sich bei allen recht schnell einstellt, wenn man den Gesprächen, dem Gesagten und den Lautäußerungen lauscht oder in die Gesichter der Erzählenden blickt.
Die neuen Möglichkeiten rücken jedoch ein schon länger diskutiertes Problem in den Mittelpunkt: ethische Fragen rund um den Persönlichkeitsschutz von Zeitzeug*innen. Die in einem Zweier-Gespräch erzählten Lebensgeschichten werden von anderen mitgehört. Dies war auch schon vor der Publikation im Netz so. Der Unterschied ist nicht grundsätzlicher, sondern gradueller Natur. Die Fahrt in teils entlegene Archive, das aufwändige Nachhören der Aufnahmen auf Tonbändern oder anderen Datenträgern in Lesesälen hat die Zahl der Zweitnutzer*innen begrenzt. Diese Zahl erhöht sich freilich signifikant, wenn die Interviews online zur Verfügung stehen, und die ethischen Fragen werden damit virulenter, zumal die Forschung insgesamt sensibler dafür wird. Eine Registrierung und zusätzliche Anträge auf Freischaltung spezifischer Sammlungen bieten im Fall von Oral-History.Digital Möglichkeiten, den Zugriff zu kontrollieren, und können dazu beitragen, Nutzer*innen für einen sorgsamen Umgang zu sensibilisieren. Letztlich wird sich das Spannungsverhältnis, das sich ergibt, wenn wissenschaftliche Forschungsanliegen auf den Schutz von Persönlichkeitsrechten treffen, nicht ganz auflösen lassen. Dies macht es umso notwendiger, die ethische Verantwortung in Forschung und Lehre stets zu reflektieren.
Fazit
Die Methode der Oral History ist nun seit mehreren Jahrzehnten Teil der Geschichtswissenschaft. Die Bereitschaft zur Reflexion des Zugriffs war von Anfang an sehr hoch und es haben sich anders als für viele andere Methoden Standards herausgebildet.15 Mit der Erleichterung des Zugriffs auf Interviews z.B. durch Angebote wie Oral-History.Digital und der damit erwartbaren Ausweitung der Zweitauswertung ist ein guter Zeitpunkt gekommen, um an Grundsätze der Analyse zu erinnern. In Zeiten, in denen die Digitalisierung auch das Interesse an Zeitzeug*innengesprächen als Element der Geschichtsvermittlung neu entfacht, ist es nützlich, sich an die Auseinandersetzungen um die Inszenierung in Museen zu erinnern. Forderungen wie die Steffi de Jongs, den Konstruktionscharakter des Interviews als Erinnerungsprozess sichtbar zu machen,16 zeigen, dass Forschung und Lehre im Hinblick auf den Umgang mit Zeitzeug*innen ganz eng beieinanderliegen. Eine gründliche Kontextualisierung als Teil der Quellenarbeit ist für alle, die sich mit Geschichte auseinandersetzen, interessant.
| Caroline von Andrian-Werburg studiert Public History an der Universität zu Köln. [carolinevandrian@aol.com] |
| Nicole Kramer ist Junior-Professorin für Europäische Zeitgeschichte an der Universität zu Köln [nicole.kramer@uni-koeln.de] |
- https://www.schulministerium.nrw/wdr-holt-zeitzeugen-augmented-reality-app-digital-ins-klassenzimmer [↩]
- https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/ki-gibt-zeitzeugen-des-holocausts-eine-stimme [↩]
- Die Dauerausstellung im Haus der Geschichte Bonn ist seit Mitte September 2024 geschlossen und wird bis Ende 2025 komplett neugestaltet. Es ist davon auszugehen, dass auch der Einsatz von Zeitzeug*inneninterviews in der neuen Dauerausstellung völlig anders aussehen wird. Die Betrachtung des Einsatzes von Zeitzeug*inneneninterviews dort schien aber dennoch sinnvoll, da das Haus der Geschichte in den letzten 30 Jahren eine herausgehobene Rolle eingenommen hat, was die museale Darstellung und Vermittlung der neuesten deutschen Geschichte angeht. [↩]
- Vgl. Handro, Musealisierte Zeitzeugen. Ein Dilemma, in: Public History Weekly 2 (2014) 14, DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2014-1817 (Stand 5.9.2024). [↩]
- Handro, Musealisierte Zeitzeugen. Ein Dilemma, in: Public History Weekly 2 (2014) 14, DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2014-1817 (Stand 5.9.2024). [↩]
- Keilbach, Judith, Geschichtsbilder und Zeitzeugen. Zur Darstellung des Nationalsozialismus im bundesdeutschen Fernsehen, Münster 2008, S. 200. [↩] [↩]
- Vgl. Bruns, Katja, „talking head“, in: Lexikon der Filmbegriffe, URL: https://filmlexikon.uni-kiel.de/doku.php/t:talkinghead-7777 (Stand 5.9.2024). [↩]
- Handro, Musealisierte Zeitzeugen. Ein Dilemma, in: Public History Weekly 2 (2014) 14, DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2014-1817 (Stand 5.9.2024). Vgl. dazu auch Nogueira, Katarzyna, Zwischen Authentizität und Inszenierung: Oral History und die Zeitzeugenschaft des Ruhrbergbaus, in: Farrenkopf, Michael, Meyer, Torsten (Hg.), Authentizität und industriekulturelles Erbe. Zugänge und Beispiele, Berlin 2020, S. 171-191, hier: S. 189. [↩]
- Leh, Almut: Zeitzeugen online: Archive und andere Web-Angebote, in: BIOS – Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen 2 (2009), 268-282, hier S. 279-282 [↩]
- Linde Apel, Oral History reloaded. Zur Zweitauswertung von mündlichen Quellen, in: Westfälische Forschungen 65 (2015), S 243-254, S. 249. [↩]
- De Jong, Steffi, Kommentar zu Saskia Handro, Musealisierte Zeitzeugen. Ein Dilemma, in: Public History Weekly 2 (2014) 14. [↩]
- Niethammer, Lutz: Fragen – Antworten – Fragen. Methodische Erfahrungen und Erwägungen zur Oral History, in: Ders./ von Plato (Hg.): „Wir kriegen jetzt andere Zeiten“, S. 392–433, hier S. 413 f. [↩]
- Vgl. Nogueira, Zwischen Authentizität und Inszenierung, S. 191. [↩]
- https://www.oral-history.digital/eroeffnung/aufzeichnungen/index.html [↩]
- https://oralhistory.org/best-practices [↩]
- Vgl. Kommentar von Steffi de Jong auf Saskia Handros Blog-Beitrag, 3.6.2014, DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2014-1817 (Stand 5.9.2024). [↩]
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
DigiTRiP-Redaktion (2. Oktober 2024). Oral History und Digitalisierung: Neue Angebote und alte Fragen. DigiTRiP. Abgerufen am 16. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/12emk

